Warum ich meine Erinnerungen an die Ostsee nicht in einem Hotel, sondern im eigenen Ferienhaus verankert habe

Ich habe viele Urlaube erlebt. Zwischen spanischen Stränden, alpinen Hütten und Städteabenteuern. Aber eines bleibt: Meine beste Erinnerung an die Ostsee hängt nicht an einem Flughafen, einem Badezimmer mit Heizlüfter oder dem Bedienungssystem eines Smart TVs. Sie hängt an einem Mundwerk, das kräftiger als jedes Funktionieren war. An einer Hütte, die anders aussah, als die Bilder zu ihr sagen. An einem Jahrzehnt. Es ist das Jahr, in dem ich endlich aufgehört habe, die Ostsee als Ort der „Ostsee-Woche“ zu sehen – und sie stattdessen als Ort des Lebendigseins entdeckt habe.

Die Suche nach einem Platz, der nicht „vermietet“ ist

Erst vor fünf Jahren fiel mir auf, dass ich nicht mehr im Sinne eines Ferienhauses, sondern im Sinne eines Ortes gewohnhaft fühlte. Nicht durch die Fotos, die überall verfügbar sind. Sondern durch etwas, das man in den Materialien seltener findet: die individuelle Briefmarke eines Wohnraums. Die klammen Holzlamellen an der Innentreppe. Die leichte Deckenleiste, die sich bei Wind nach links neigte. Das Messing aus dem Jahr 1963, das man im Spülbecken ständig vergisst, weil es so gut zu den Zähnen passt.

Urlaub offizielle Website hat mich zunächst nur als Aufenthaltswunsch beschäftigt. Aber erst nach mehreren durchgelesenen Beschreibungen – und dem verzweifelten Versuch, ein Dreierzimmer mit Teppich im Vorderhaus zu finden – wurde mir klar: Das, was ich suchte, war nicht ein Objekt. Es war eine Situation. Eine Zwei-Wochen-Auszeit, in der ich niemandem erklären musste, warum ich die Rollläden beschmiert hatte. Wo es kein Budget-Check gab, wenn ich um 18 Uhr entschied, trotz Regen rauszugehen.

Die Rolle der Stille in der Ostsee

Stille hat hier nie etwas mit Leere zu tun. Vor allem nicht in Baabede. Die Stille ist dicht. Sie hängt in der Luft wie der Geruch von Kiefernharz nach Sonnenuntergang. Man hört sie in der Art, wie die Luft fließt, wenn du auf der Veranda sitzt und deine Füße auf einem alten Holzbohlenboden ruhen. Du hörst sie, wenn der Hafenboden unter dem Boot quietscht. Wenn die Gitarre, die vom Nachbar aus dem Fenster fällt, auf die Wiese plumpst. Die Stille hier wartet nicht. Sie ist aktiv.

Dass das auch eine Form von Aufmerksamkeit ist, merkt man erst, wenn man lange genug drin ist. Persönlich habe ich erst bemerkt, wie tief diese Stille in mir wirkt, als ich versuchte, meinem Freund aus der Stadt vom Ablauf eines Tages zu erzählen. Ich sprach von Spaziergängen, von Stockflecken im Boden, von einem Flecken Kaffeerand, der sich über 47 Stunden stabilisiert hatte. Und dann sagte er: „Das klingt wie ein Tagebuch.“ Ich sagte: „Ja, das ist jetzt mein Tagebuch.“

Was ein Ferienhaus nicht sein muss

Wir reden oft davon, dass die Zukunft der Urlaubsplanung in der Flexibilität liegt. In Apps, in Buchungssystemen, in automatisierten Handhabungen. Aber manchmal ist die beste Art, Ferien zu planen, die Entscheidung, nichts zu planen. Es war nicht die Organisation, die den Unterschied machte. Es war die Unberechenbarkeit.

Beispielsweise: Ich hatte vorgesehen, am Sonntagmorgen Strand zu machen. Aber als ich aufwachte, lag Schneematsch auf der Terrasse. Der Himmel war bleiern. Die Luft roch nach Algen. Traditionell würde man sagen: „Weiter planen.“ Ich tat es nicht. Stattdessen legte ich ein Feuer im Kamin an, packte ein Buch aus der Woche zuvor, das ich längst vergessen hatte, und las drei Kapitel über Fische, die niemals Schwimmen.

  • Das Haus stand an der Ecke, wo zwei Wiesen aneinandergrenzen.
  • Die Türklingel funktionierte nicht – ich musste mit der Hand klopfen, was dazu führte, dass ich häufiger mit den Nachbarn sprach.
  • Das TV-Gerät war nicht mit RTL2 verbunden. Ich sah Statistiken über den Zustand der deutschen Hochschulen – und fand sie interessanter als jede Revolution.

Die Menschen, die den Ort erst wirklich für mich wurden

Mir war früher immer bewusst, dass man von Urlaub in kleinem Rahmen nicht viel verliert. Mir war nicht bewusst, dass man sogar etwas auf der Strecke lässt. Ich hatte schon zuvor Ferienwohnungen in der Nähe von Baabede gebucht. Jedes Mal bekam ich eine Antwort von der Hotelfachkraft: „Ja, die Wohnung ist sauber, alles im Lot.“ Aber niemand sagte mir, dass im zweiten Parkettbrett eine alte Radkappe eingebaut war, die nur bei Neumond sichtbar wird. Niemand sagte mir, dass der Mann im Nebenhaus jeden Montag um 10.17 Uhr eine einsame Fahrt zum Telefonhäuschen macht.

Als ich dieses Mal ankam, hatte ich Beweise für jede Form von Unordnung – von fehlenden Schrauben bis hin zu einem Pfau, der offenbar in meine Toilette geschlüpft war, ohne dass jemand wusste, wohin er zurückmusste. Aber genau das hat alles eingebaut. Die Dinge, die nicht stimmen, die Menschen, die keine Antwort kennen – das ist der Grund, warum man sich hier in das gemeinsame Nicht-Wissen hineinverliert.

Was die Ostsee gut macht, was kein anderer Ort weiß

Nicht alle sind dafür geschaffen, längere Zeit am selben Ort zu sein. Ich bin es auch nicht eigentlich. Aber in Baabede erkenne ich, dass man nicht in der Lage sein muss, einen Ort zu kontrollieren – um ihn lieben zu können. Es ist kein Planet. Es ist kein Meer. Es ist ein Holzhaus, eine Windrichtungsänderung, eine Tür, die immer mittels einer Kupferklinke geschlossen wird.

Die Leute aus der Region glauben oft, dass das ein Anblick für Touristen ist. Sie sind dagegen erröten, wenn man sagt: „Ich habe diesen Platz lieb, weil er nicht perfekt ist.“ Aber ich habe gelernt, dass Genau das das Gegenteil ist. Perfektion gibt uns nichts. Unvollkommenheit gibt uns einen Halt.

  • Die Küste hier wächst. Jedes Jahr wird sie ein bisschen schmäler. Aber so, als würde sie Erinnerungen verschieben.
  • Die Liegen auf der Terrasse verziehen sich. Nicht aus Mangel an Pflege, sondern aufgrund des Klimas – sie wissen, was sie tun.
  • Die Außentürknöpfe sind aus Kunststoff. Aber sie fühlen sich an, als wären sie von einem Schatz aus dem Jahre 1954.

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